Hexensaat

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Der Sturm neu erzählt von
MARGARET ATWOOD

Raffiniertes Spiel voller Magie und Illusion

In ihrem brillanten Roman schafft die große kanadische Autorin Margaret Atwood mit der Figur des Theaterdirektors Felix ein würdiges Pendant zu Shakespeares Prospero aus „Der Sturm“, jenes Zauberers, der als ein Selbstporträt des alternden Barden aus Stratford-on-Avon gilt.

Felix ist ein begnadeter Theatermacher und in der Szene ein Star. Seine Inszenierungen sind herausfordernd, aufregend, legendär. Nun will er Shakespeares „Der Sturm“ auf die Bühne bringen. Das soll ihn noch berühmter machen – und ihm helfen, eine private Tragödie zu vergessen. Doch nach einer eiskalten Intrige seiner engsten Mitarbeiter zieht sich Felix zurück, verliert sich in Erinnerungen und sinnt auf Rache. Die Gelegenheit kommt zwölf Jahre später, als ein Zufall die Verräter in seine Nähe bringt.

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Felix putzt sich die Zähne. Dann putzt er seine anderen Zähne, die falschen, und schiebt sie sich in den Mund. Trotz der Haftcreme, die er aufgetragen hat, passen sie nicht besonders gut; vielleicht schrumpft sein Mund. Er lächelt: die Illusion eines Lächelns. Verstellung, Maske, aber wem wird das schon auffallen?

Früher hätte er seinen Zahnarzt angerufen und einen Termin vereinbart, und der luxuriöse Kunstledersessel wäre sein gewesen, so wie das besorgte, nach Pfefferminzmundwasser riechende Gesicht und die geschickten, mit den glänzenden Instrumenten hantierenden Hände. Ah ja, hier liegt das Problem. Keine Sorge, wir beheben das für Sie. Als würde er sein Auto zur Inspektion in die Werkstatt bringen. Vielleicht hätte man ihn sogar mit Musik aus Kopfhörern und einer Betäubungstablette beglückt.

Aber heute kann er sich einen so professionellen Service nicht mehr leisten. Seine Krankenversicherung entspricht dem Billigtarif, deshalb ist er seinen unzuverlässigen Zähnen ausgeliefert. Zu dumm, denn das kann er für das anstehende Finale wirklich nicht gebrauchen: einen Gebiss-Gau. Die Zauber sind vorbei. Da unssere Mimen, wie ich dir ssagte … Beim Gedanken an eine solche Demütigung erröten sogar seine Lungen. Kommen die Worte nicht glasklar, ist die Tonhöhe nicht exakt getroffen, die Modulation nicht peinlich genau, dann versagt der Zauber. Die Zuschauer werden unruhig auf ihren Sitzen, sie husten, und in der Pause gehen sie nach Hause. Es ist wie der Tod.

»Mi-ma-mo-mu«, sagt er zu dem zahnpastagesprenkelten Spiegel über der Küchenspüle. Er zieht die Augenbrauen zusammen, reckt das Kinn. Dann grinst er: das Grinsen eines in die Ecke getriebenen Schimpansen, teils Wut, teils Drohung, teils Niedergeschlagenheit.

Wie tief er gefallen ist. Wie ernüchtert er ist. Wie gedemütigt. Eine zusammengeschusterte Existenz. Er haust in einer Bruchbude, vergessen irgendwo in der gottverlassenen Provinz, während Tony, dieser Parvenü, dieser großspurige kleine Scheißer, sich mit den Granden amüsiert, Champagner schlürft, Kaviar, Lerchenzungen und Ferkel in sich hineinschaufelt, Bankette besucht und sich in der Bewunderung seiner Entourage, seiner Helfershelfer, seiner Handlanger sonnt …

Die früher einmal Felix’ Handlanger waren.

Das schwärt. Das gärt. Da brauen sich Rachegelüste zusammen. Wenn nur …

Genug. Schultern gerade, befiehlt er seinem grauen Spiegelbild. Halt die Luft an. Er weiß, ohne hinzusehen, dass er ein Bäuchlein ansetzt. Vielleicht sollte er sich ein Korsett anschaffen.

Denk nicht daran! Zieh den Bauch ein! Es gibt viel zu tun, Intrigen müssen erdacht, Winkelzüge ersonnen, Schurken in die Irre geführt werden! Fischers Fritze fischt frische Fische. Ein Student in Stulpenstiefeln stolperte über einen Stein und starb. Zwanzig spitze Spatzenschnäbel zwitschern zwischen zwei schwatzenden Zwetschgensammlern.

Na also. Nicht eine Silbe verpatzt.

Er kann es noch. Er wird es schaffen, allen Hindernissen zum Trotz. Sie zuerst in Verzückung versetzen, nicht dass er an dem Anblick unbedingt Gefallen fände. Vor Staunen soll ihnen Hören und Sehen vergehen, wie er zu seinen Schauspielern sagt. Lasst uns zaubern!

Und diesem heimtückischen, hinterhältigen Scheißkerl Tony das Maul stopfen.

Über Margaret Atwood

Autor

Margaret Atwood, geboren 1939, veröffentlichte bisher über 40 Bücher, darunter Der Report der Magd, das Kultbuch einer ganzen Generation. Daneben hat die mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnete Autorin auch als Cartoonistin, Illustratorin, Librettistin, Dramatikerin und Puppenspielerin gearbeitet. Ihr Werk ist inspiriert von Märchen, Mythen, Umwelt– und Zukunftsfragen.

Shakespeares Sturm ist eigentlich ein frühes Multi-Media-Stück. Ich bin sicher: Würde der Barde heute leben, so würde er alle special effects nutzen, welche die Technologie inzwischen zu bieten hat. Außerdem war dieses Stück für mich besonders verlockend, weil Shakespeare hier so viele Fragen einfach offen lässt. Was für ein – anstrengendes! – Vergnügen es doch war, sich damit auseinanderzusetzen.