Die störrische Braut

Die störrische Braut

Der widerspenstigen Zähmung neu erzählt von
ANNE TYLER

Kiss me Kate –
die Ehe als erweiterte Kampfzone?

Eine herrlich turbulente Komödie um einen manipulativen Vater, eine sich heftig zur Wehr setzende Tochter und einen Bräutigam, in den sich die Braut wider Willen zu guter Letzt doch noch verliebt.

Kate Battista ist frustriert. Wie kommt es eigentlich, dass sie ihrem exzentrischen Vater brav den Haushalt führt und sich um ihre jüngere Schwester Bunny kümmert, die nur Flausen im Kopf hat? Auch in ihrem Kindergartenjob gibt es immer nur Ärger. Professor Battista hat andere Sorgen. Seit Jahrzehnten widmet er sich beharrlich seiner Forschungsarbeit, nun steht er kurz vor dem Durchbruch. Wenn, ja wenn sein brillanter Assistent Pjotr nicht des Landes verwiesen wird. Die Aufenthaltsgenehmigung des Weißrussen läuft bald ab. Als Professor Battista einen Plan ausheckt, um Pjotr in Amerika zu halten, verlässt er sich wie immer auf seine ältere Tochter. Doch Kate sieht rot – und Pjotrs tollpatschiges Werben um ihre Gunst macht die Sache erst einmal auch nicht besser.

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Kate Battista arbeitete hinten im Garten, als in der Küche das Telefon klingelte. Sie richtete sich auf und horchte. Ihre Schwester war im Haus, aber vielleicht noch nicht wach. Wieder klingelte es, dann noch ein Mal und ein viertes Mal, und als sie schließlich die Stimme ihrer Schwester hörte, war es nur die Ansage auf dem Anrufbeantworter. Hallöchen, wir sind’s! Sieht so aus, als wären wir nicht da … Sprechen Sie uns doch eine Nachricht –

Kate marschierte bereits auf die Hintertreppe zu und warf mit einem entnervten Tsss! ihr Haar zurück. Sie wischte die Hände an ihrer Jeans ab, riss die Fliegentür auf. Kate, hörte sie ihren Vater sagen, geh ran.

Sie nahm den Hörer ab. Was ist?

Ich habe mein Mittagessen vergessen.

Ihr Blick fiel auf die Arbeitsfläche neben dem Kühlschrank, und da lag es, genau an der Stelle, wo Kate es abends hingelegt hatte. Für das Lunchpaket ihres Vaters benutzte sie die durchsichtigen Obst- und Gemüsebeutel aus dem Supermarkt, in denen der Inhalt gut zu erkennen war: eine Tupperdose und ein Apfel. Hm, sagte sie.

Kannst du es mir bringen?

Jetzt?

Genau.

Mensch, Vater. Ich bin doch nicht der Ponyexpress.

Was hast du denn sonst zu tun?, fragte er.

Heute ist Sonntag! Ich jäte gerade die Christrosenbeete.

Ach, Kate, sei doch nicht so. Spring einfach ins Auto und komm kurz rüber. Sei ein braves Mädchen.

Himmelherrgott! Kate knallte den Hörer auf und nahm die Tüte.

Einiges an diesem Gespräch war merkwürdig. Zunächst einmal, dass es überhaupt stattgefunden hatte; ihr Vater misstraute dem Telefon als solchem. Tatsache war, dass es in seinem Labor nicht mal eins gab; er musste also mit dem Handy telefoniert haben. Und auch das war ungewöhnlich, denn er besaß nur deshalb eins, weil seine Tochter darauf bestanden hatte. Die Anschaffung hatte zwar zunächst eine kurze Kauforgie ausgelöst – hauptsächlich wissenschaftliche Taschenrechner-Apps –, doch bald hatte er das Interesse an dem Gerät verloren, und inzwischen mied er es komplett.

Merkwürdig war außerdem, dass er sein Lunchpaket ungefähr zwei Mal pro Woche vergaß, es bisher aber noch nie bemerkt zu haben schien. Im Grunde aß dieser Mann nicht. Wenn Kate von der Arbeit nach Hause kam und seine Lunchtüte wieder einmal neben dem Kühlschrank lag, musste sie am Abend trotzdem drei oder vier Mal nach ihm rufen, bis er zum Essen kam. Er hatte immer etwas Besseres zu tun, eine Fachzeitschrift zu lesen oder irgendwelche Aufzeichnungen durchzugehen. Hätte er allein gelebt, wäre er wahrscheinlich verhungert.

Im Übrigen hätte er, wenn ihm jetzt wirklich der Magen knurrte, auch einfach vor die Tür gehen und sich etwas kaufen können. Zum Campus der Johns Hopkins University war es nicht weit, und da gab es Läden zuhauf, die Sandwiches und Fertiggerichte anboten.

Über Anne Tyler

Autor

Anne Tyler, Jahrgang 1941, hat zahlreiche Bestseller geschrieben, von denen mehrere verfilmt wurden. Ihr zuletzt erschienener Roman Der leuchtend blaue Faden war für den Baileys Women’s Prize for Fiction sowie den Man Booker Prize 2015 nominiert.

Die Frage, warum das wegen seiner Frauenverachtung bereits zu Shakespeares Zeit umstrittene Stück Der Widerspenstigen Zähmung immer noch so beliebt ist (Kiss me Kate; 10 Dinge, die ich an Dir hasse), beschäftigt Anne Tyler schon lange: Katharinas Verwandlung von einer selbstbewussten jungen Frau in eine lammfromme Ehegattin muss doch einen tieferen Grund haben. Den wollte ich herausfinden und die Geschichte neu erzählen.